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Selfie

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Spiegel einer Nonne


Nehmen wir an, dieses Bild hätte seinen Platz in einem Kloster gefunden – in einem Frauenkloster. Mit welchem Blick mögen die Nonnen auf diese Szene geschaut haben? Welche Spiegelungen ihrer selbst hätten sie darin entdeckt? Erkannten sie sich in Anna wieder – in dieser grossen Gestalt im prächtigen roten Mantel, unbeweglich, fast versteinert, von einer Kälte umgeben, die Lieb- und Leblosigkeit atmet? In einer Frau, der alles Mütterliche zu fehlen scheint, obwohl sie ein Kind auf den Armen trägt und ein weiteres an ihrem Gewand zerrt? Uns erscheint es, als stünde sie sinnbildlich für die katholische Kirche selbst: machtvoll, würdevoll, schwer – und zugleich fern vom Leben. Und so stellt sich unweigerlich die Frage: Welche Rolle kommt dem Jesuskind zu? Und welche der Maria – der kleinen Frau in Blau, fast an den Rand gedrängt?

 

 

Objekt:

Bartholomäus Zeitblom, Die heilige Anna selbdritt, um 1500

 

Ort:
Kunstmuseum, St.Gallen

 

TiMer*in:
Daniela Mittelholzer

 

über uns:
Zwei TiM-Café-Besucherinnen

 

Uns wieder einmal getroffen im Museum und ein schönes Gespräch über Kunst, Kirche und das Leben geführt.

 

2026

 

www.tim-tam.ch / www.mi-s.ch | Spiegel einer Nonne, Kunstmuseum, St.Gallen