

Als die erste Träne aus ihren Augen rollte, fiel sie nicht zu Boden. Sie blieb auf ihrer Wange liegen und schlug unter ihrer Haut Wurzeln, bis sie den Ort erreichte, an dem die Erinnerungen wohnen. Dort fanden sie weitere Wurzeln: die ihrer Mutter, ihrer Großmutter, ihrer Urgroßmutter. Frauen, die Krieg, Hunger, Gewalt, Exil und den Verlust von Kindern überlebt hatten. Frauen, die Briefe schrieben – an Generäle, Behörden, Götter und Ehemänner –, die niemals beantwortet wurden. Ihre Tränen verflochten sich im Laufe der Zeit zu einem einzigen Wurzelsystem. Wenn sie weinte, weinten sie alle. Sie hatten Ehemänner und Söhne sterben sehen, an Krankenbetten gewacht, Formulare ausgefüllt, gebetet, geschrien und geschwiegen. Jeder Kummer hinterließ eine weitere rosa Träne. Die Wurzeln breiteten sich in ihr aus wie ein zweites Nervensystem und verbanden sie mit den Toten und den Lebenden. Die Menschen nannten sie ein Monster, denn niemand wollte sehen, wie viel Schmerz ein Mensch ertragen konnte. Sie war die Erinnerung der Frauen.
Objet :
Sophie Schmidt: Es ist immer noch Nachmittag und mir wächst das Geweih über; 2023, Tinte und Aquarell auf Papier, 57 × 76 cm (Galerie Knust Kunz, München)
Lieu :
Fundaziun Nairs, Scuol
à propos de nous:
Anna und Alexander
2026
www.tim-tam.ch / www.mi-s.ch | Anna Achmatowa, wir grüßen dich, Fundaziun Nairs, Scuol