Wir wussten gar nicht, wohin wir zuerst schauen sollten und erlebten ganz unterschiedliche "Wirklichkeiten". Unsere Blicke hefteten sich an die mit unzähligen DIN A4 Blättern behängten Wände. Sie waren eng bedruckt, in ordentlichen Zeilen, die aus der Ferne nicht zu entziffern waren. Unsere Interpretationen gingen von Namenslisten der durch die Nazis ermordeten Juden bis zu einer völlig unsinnigen Sammlung längst überholter Unterlagen. Doch es handelt sich weder um das eine noch das andere. "Wirklich" war für uns nur der zur Installation gehörende große Steinblock. Mit Hilfe einer programmierten Maschine waren darauf bizarre Stufen eingefräst worden. Schuf Wilhelm Lehmbruck seine Skulpturen noch mit sicherer Hand und auf der Basis eines komplexen räumlichen Verständnisses, so ist es bei dieser Installation mehr die Fähigkeit mittels eine Computerprogramms Visionen zu erzeugen. Der gescannte und bearbeitete Findling löste bei uns Mitleid aus. Ihm war sein Geheimnis geraubt worden. Sofort dachten wir an die Auswirkungen von KI.
Objet : Alicja Kwade, Gegebenenfalls die Wirklichkeit 2017, Courtesy die Künstlerin und KÖNIG GALERIE, Berlin
Foto: Thomas Köster